Crash oder Konsens?

Ich möchte euch heute ein Entscheidungstool für Interessenskonflikte vorstellen, von dem ich gerade sehr angetan bin. Systemisches Konsensieren. 

Klingt etwas nach kompliziertem Hokuspokus, ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: Systemisches Konsensieren hat eine stark konfliktlösende Wirkung. Es ist systembedingt dazu geeignet, Gruppen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, sodass ... 

  1. Es keine Sieger & keine Verlierer im klassischen Sinne gibt
  2. Eine Lösung gefunden wird, die von allen Beteiligten mitgetragen werden kann
  3.  Eine hohe Identifizierung mit der Lösung und damit eine hohe Umsetzungsbereitschaft geschaffen wird

Klingt doch gut, oder?  Aber der Reihe nach.

Liebe auf den 2. Blick

Als mir mein ehemaliger Geigenlehrer das Buch „Systemisches Konsensieren“ nannte und ich danach googelte, ließ das altbackene, esoterische angehauchte Cover nichts Gutes ahnen. Trotzdem bestellte ich es und überzeugte mich zwei Tage später davon, dass die Wirkung des Covers nicht nachgelassen hatte.

Doch bereits das Vorwort belehrte mich eines Besseren. „Was kann man sich Besseres wünschen, als gemeinsam die besten Lösungen zu finden, die letztlich von allen bereitwillig angenommen werden?“, fragen die Autoren Siegfried Schrotta, Georg Paulus und Erisch Visotschnig. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden.

Konflikt oder Konsens?

Wie der Name Konsensieren bereits verrät, geht es hier um einen Konsens – also um eine gemeinsame Übereinkunft. Die Anwendungsbeispiele dieser konfliktlösenden Methodik sind dabei enorm breit – vom Kindergarten, wo über das Gruppenspiel abgestimmt wird, bis hin zu Interessenskonflikten in der Politik (manche unter euch mögen das für dasselbe halten). 

Diese Methodik ist jedoch meiner Meinung nach nicht zu verwechseln mit einer „schwammigen“ oder kantenlosen Lösung. Die Ideen selbst können so individuell sein wie ihre Erfinder – nur die Entscheidung und damit auch die „Tragfähigkeit“ der Lösung wird dem größten gemeinsamen Nenner zugeführt und zielt auf möglichst breite Unterstützung ab. 

Widerstand statt Zustimmung – ist das nicht deprimierend? 

Nun zur Methodik: Im Gegensatz zur bekannten Mehrheitsentscheidung durch Abstimmung arbeitet das systemische Konsensieren mit Widerstandspunkten. 0 bedeutet völlige Zustimmung, 10 bedeutet völlige Ablehnung der genannten Alternative, dazwischen wird nach Gefühl bewertet. Der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand gilt als der akzeptabelste und wird ausgewählt. Was auf den ersten Blick negativ oder „weich“ wirkt, hat zahlreiche Vorteile:

  • Der Gruppenwiderstand ist sofort erkennbar und realistischer als bei Ja/Nein Entscheidungen – der (Realisierungs)Erfolg der entwickelten Lösung also absehbar
  • Die „Null-Lösung“ als Verbleib beim Ist-Zustand gibt die Grenze zur maximal zumutbaren Lösung an.  (Drei Optionen zur Wahl sollten mindestens vorhanden sein.)
  • Es gibt nicht nur JA und NEIN, sondern auch diverse Zwischenstufen, was bisherigen Stimmenthaltern und Boykottierern den Garaus macht
  • Extrembewerter, die nur 0 (eigener Vorschlag) und 10 (Vorschläge anderer) vergeben, vergeben ihre eigene Chance auf Mitbestimmung, da sie rechnerisch damit ihren Entscheidungseinfluss abgeben
Darstellung der Widerstandspunkte von 10 Teilnehmern, Widerstandspunkte gesamt, Rang der Lösung und Widerstand in Prozent (gut zu Vergleichen mit Mehrheitsentscheidungen)
Darstellung der Widerstandspunkte von 10 Teilnehmern, Widerstandspunkte gesamt, Rang der Lösung und Widerstand in Prozent (gut zu Vergleichen mit Mehrheitsentscheidungen), aus "Systemisches Konsensieren", Paulus, Schrotta, Visotschnig, DANKE Verlag, 2013

Bevor ich nun noch weiter (be)schreibe, lest doch einfach das Buch „Systemisches Konsensieren – Der Schüssel zum gemeinsamen Erfolg“ von Georg Paulus, Siegried Schrotta und Erisch Visotschnig aus dem DANKE-Verlag! Dort findet ihr auch zahlreiche praktische Beispiele und erlernt auch die Methode der „kreativen Kommunikation“.

Ich freu mich jetzt schon darauf, wenn ich dieses System sozusagen live erproben kann und bin sicher, dass es sich für zahlreiche Situationen bestens eignet. Wenn du schon Erfahrungen gemacht hast oder etwas Ähnliches kennst, freu ich mich über deinen Kommentar!

 

Weitere Infos gibts auf der Website http://www.sk-prinzip.at/

Ein Online-Tool zur Anwendung gibts ebenso: https://www.konsensieren.eu/de/ 

 

PS: Dass zwei der drei Autoren Techniker bzw. Mathematiker sind, erkannt man am Aufgreifen einer bekannten Formel:

U : R = I

Spannung durch Widerstand ergibt die Stromstärke. „Wiederstände bremsen vielfach den Strom produktiver Ereignisse.“ (Paulus, Schrotta, Visotschnig 2013, S. 27)